Geschichtliches

St. Martinsgemeinde Rothenberg

Warum es in Rothenberg zwei evangelische Kirchen gibt

Kirche der SELK Rothenberg

Bis 1875 gibt es in Rothenberg nur eine Kirche. Sie ist evangelisch-lutherischen Glaubens seit der Einführung der Reformation im 16. Jahrhundert.

Ein Kirchenkampf begann in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts im Großherzogtum Hessen-Darmstadt, zu dem auch das Gebiet der Grafschaft Erbach gehörte. Auch hier galt immer noch der im Westfälischen Frieden formulierte Einheitsgedanke: „cuius regio eius religio“. Diese Formel bedeutet, dass die Untertanen zu glauben haben, was der Landesfürst und dessen Glaube festlegt.

Doch dann veränderten die Ergebnisse des Wiener Kongresses die politische Landkarte. Viele Territorien wurden zu gemischt-konfessionellen Gebieten. Das war auch in Hessen-Darmstadt so, wo der Landesfürst bestrebt war, in seinem Gebiet eine Einheits-Konfession zu schaffen. – Es waren kleine Gruppen, die dieser Bevormundung widerstanden, und die für sich das Recht der Glaubens- und Gewissensfreiheit einforderten – ein Gut, das in der heutigen Zeit wie selbstverständlich auf die Fahnen unseres Gemeinwesens geschrieben wird.

Auch der damalige Rothenberger Pfarrer Emil Kraus gehörte zu den Unterzeichnern des förmlichen Protestes, der sich gegen das Einheitsstreben des Landesfürsten stellte. Im Verlauf des Kirchenkampfs wurde ihm der Zutritt zu seiner Kirche verwehrt. Nur wenig später musste er auch das Pfarrhaus räumen.

Die Gemeinde, die zunächst in großer Mehrheit zu ihrem Pfarrer stand, hielt ihre Gottesdienste über ein Jahr hinweg in Wohnhäusern von Gemeindegliedern. Aus dieser Zeit stammte der Vorschlag, eine „Simultan-Kirche“ (das bedeutet: ein Kirchgebäude, in der zwei Gemeinden mit ihren Gottesdiensten beheimatet sind) zu schaffen.

Dieser Vorschlag war nicht von Erfolg gekrönt. Nachdem die Pfarrstelle der Landeskirche durch das Kirchenregiment neu besetzt wurde, war damit die Existenz einer zweiten Kirche in Rothenberg vorgezeichnet: Der evangelischen Landeskirche, die sich bis heute in unmittelbarer Nähe der St.-Martins-Kirche befindet.

1876 erbaute die evangelisch-lutherische Kirche für ihren Pfarrer ein Pfarrhaus, in dem auch ein Kirchsaal eingerichtet wurde. Wenige Jahre darauf (1880/81) folgte der Bau der St.-Martins-Kirche. Seit 1989 sind Kirche und Pfarrhaus durch die Schaffung eines Zwischenbaus zu einem Gebäudekomplex vereinigt.

 

Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche

Evangelisch-Lutherische St. Martinsgemeinde

Pfarramt: Neuer Weg 4, 64757 Rothenberg,

 Tel. 06275 / 269

rothenberg@selk.de

www.lutherisch-im-odenwald.de

Schlossgemeinde Erbach

Historie der Schlossgemeinde Erbach

Schlossgemeinde Fürstenau

Zur Geschichte der Evangelisch-Lutherischen Schlossgemeinde Fürstenau

Im 16. Jahrhundert wurde die lutherische Reformation auch in Hessen eingeführt, so auch in der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt. Hier kam es zur Bildung einer rein lutherischen Kirche. Mit Beginn des 19. Jahrhunderts kamen nach der Niederlage Napoleons die Provinz Rheinhessen zum Großherzogtum Hessen-Darmstadt hinzu. Dort gab es viele Gemeinden mit reformiertem Bekenntnis – ebenso wie die um des Glaubens willen Vertriebenen (z.B. Waldenser aus Italien), die sich auch in Hessen-Darmstadt niedergelassen und Gemeinden gebildet hatten.

Kirchliche und staatliche Kräfte drängten damals darauf, dass die Gemeinden „unbeschadet ihres Bekenntnisses“ zu einer einheitlichen Landeskirche vereint werden sollten. Seit 1832 wusste man nur noch von einer Landeskirche, die die lutherische, reformierte und unierte Konfession umfasste. Da mussten die Bekenntnisse Schaden nehmen, wenn sie nebeneinander in Geltung waren, sich doch aber gegenseitig in Frage stellten. Die Entwicklung ging dahin, dass die Geltung von Kirchenordnungen (also die Art und Weise der Gottesdienstfeiern) und Unterrichtsmaterialien (Kleiner Katechismus) der allgemeinen Zeitströmung unterworfen wurde und so wichtige Inhalte auf der Strecke blieben.

Ganz auf dieser Linie des Einheitsgedankens lag es, dass sich die Kirche bis 1874 eine neue „Presbyterial- und Synodalverfassung“ gab. Anfangs waren es 114 Pfarrer, die Einspruch gegen die neue Verfassung erhoben, weil sie erkannten, dass durch diese Verfassung jeder Konfession die Daseinsberechtigung abgesprochen wurde. 15 Pfarrer erklärten am 10. Februar 1874 in einer Protestschrift, dass sie die neue Verfassung nicht annehmen könnten. Für sie folgten Geldstrafen, Suspension (zeitweilige Entlassung) und Entziehung des Gehalts. Am 25. Juni 1875 entließ das Oberkonsistorium (Kirchenleitung) die protestierenden Pfarrer aus dem kirchlichen Dienst. Da die entlassenen Pfarrer in ihrer eigenen Kirchenleitung keine rechtmäßige mehr erkennen konnten –verstieß sie doch gegen Recht und Gesetz der lutherischen Kirche-, konnten sie sich in ihrem öffentlichen Protest daraufhin nur noch von dieser Kirchenleitung lossagen.

Für die Schlossgemeinde Fürstenau stellte sich die Situation so dar: Im Grafenhaus Erbach-Fürstenau wirkte als Erzieher und Hausgeistlicher der Pfarrer Christian Müller (bis 1867 Pfarrer in Beerfelden). Er war einer der 15 Pfarrer, die die neue Verfassung nicht annahmen. Da er keine landeskirchlichen Pfründe mehr innehatte, konnte er vom Oberkonsistorium auch nicht abgesetzt werden. Doch auch der damalige Graf Alfred zu Erbach-Fürstenau lehnte die neue Verfassung ab, was er in seiner Eingabe an den Großherzog Ludwig III. deutlich zum Ausdruck brachte. In seiner Eingabe erklärt er für sich und seine Angehörigen, dass er sich der neuen Verfassung nicht unterwerfen könne, und begründet dies mit folgenden Punkten: 1. Dass über die Zugehörigkeit zur Kirchgemeinde nicht das Bekenntnis, sondern der Wohnsitz entscheidet, führt dazu, dass Christen anderen Bekenntnisses dieselben Rechte haben wie die die eigentlichen Glieder der lutherischen Gemeinde. 2. Dass solchen Gliedern das heilige Abendmahl gereicht werden muss, die das Bekenntnis der lutherischen Kirche von diesem Sakrament als falsch verwerfen. 3. Dass die Landessynode neue Religionsbücher einführen kann und so nicht gewährleistet ist, dass der Kleine Katechismus weiterhin Unterrichtsbuch bleibt. 4. Dass Besoldungsüberschüsse auch zur Pflege „fremder Kirchengemeinschaften“ dienen. 5. Die Tatsache, dass Entscheidungsträger in Kirchenvorständen, Gemeindevertretungen und Synoden ohne Rücksicht auf den ev.-luth. Glauben gewählt werden, führt dazu, dass die Geschicke der Kirche von einer rein zufälligen Majorität Andersgläubiger bestimmt werden können; und 6. Dass nicht gewährleistet ist, dass ev.-luth. Gemeinden auch weiterhin einen Pfarrer ihres Bekenntnisses bekommen werden.

So ging aus den geschilderten Entwicklungen auch die selbständige evangelisch-lutherische Schlossgemeinde Fürstenau hervor. Hielten sich die Schlossbewohner bis dahin zur Pfarrkirche in Michelstadt und wurde die Schlosskapelle nur für Taufen der gräflichen Familie und für Wochengottesdienste genutzt, so wurde dort seit 1875 auch regelmäßig am Sonntag Gottesdienst gehalten. Bald danach kamen auch weitere Familien aus der Umgebung zu dieser Gemeinde hinzu, so dass sie bald 130 Glieder zählte, die mit Spenden und Kirchbeiträgen zum Erhalt der Gemeinde beisteuerten. Bis heute will die Gemeinde das sein und bleiben, was sie schon bei der Reformation im 16. Jahrhundert bleiben wollte: Kirche, die sich dem Wort Gottes verpflichtet weiß und die sich um das Wort Gottes sammelt und in der die Sakramente so gereicht werden, wie sie der Herr Christus eingesetzt hat – evangelisch-lutherische Kirche eben!

Wir machen noch einen Zeitsprung: Im Jahr 1930 berief die ev.-luth. St. Martinsgemeinde in Rothenberg den Fürstenauer Pfarrer Dietrich Lucius zu ihrem Pfarrer. Dieser nahm die Berufung an, betreute aber seither auch weiterhin die Fürstenauer Schlossgemeinde. Der Pfarrer der Schlossgemeinde wohnt aber seitdem in Rothenberg und dort befindet sich auch das Pfarramt. Die Ev.-Luth. Schlossgemeinde Erbach wurde 1973 in den Verbund mit Fürstenau und Rothenberg aufgenommen und seitdem ebenfalls vom Rothenberger Pfarramt betreut. Alle drei Gemeinden gehören der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) an. Weitere Informationen zur SELK finden Sie auf der Homepage www.selk.de.

Alle drei o.g. Gemeinden in Rothenberg, Fürstenau und Erbach sind Mitglieder des Vereins „Evangelisch-Lutherisches Haus Cordula e.V.“, der seit 1975 Trägerverein für Altenpflege-Einrichtungen in Rothenberg und Kortelshütte ist.

(Pfr. Eberhard Ramme)


Quellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Evangelische_Kirche_in_Hessen_und_Nassau

Karl Müller: Die selbständige evangelisch-lutherische Kirche in den hessischen Landen, Elberfeld 1906